Ich will die Angst ernst nehmen

von | Jan 28, 2022

Ich will die Angst ernst nehmen“

Corona Der Gunzenhäuser Dekan Klaus Mendel äußert sich zu Impfpflicht, Meinungsvielfalt und den Sorgen der Gemeinden.

GUNZENHAUSEN – Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Das geflügelte Wort trifft es ziemlich genau, wenn es um die Impfsituation in Deutschland, Bayern und Gunzenhausen geht. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Gesellschaft, dass nicht alle Bürgerinnen und Bürger sofort die Hand heben und laut Hurra rufen, wenn es um den berühmten kleinen Piks geht.„Impfen bedeutet Risikominderung, weil andere geschützt werden, und ich auch“, meint dazu Dekan Klaus Mendel vom evangelisch-lutherischen Dekanat Gunzenhausen im Gespräch mit dem Altmühl-Boten. Der Dienstvorgesetzte von rund 25 hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeitenden legt sich dabei nicht direkt fest. Auch wenn er eine hervorgehobene Position innerhalb der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern einnimmt, möchte er nicht „als die Stimme der Kirche“ wahrgenommen werden, so seine Aussage. „Ich bin nicht die Kirche“, betonte er. Trotzdem hat Mendel natürlich eine Meinung, und die sagt er auch: „Je mehr Menschen geschützt sind, desto weniger werden schwer krank.“ Er ist von dem Vakzin, das seit rund einem Jahr verabreicht wird, überzeugt, „weil ich den Erkenntnissen der Wissenschaft traue“. Dazu führt er ein interessantes Beispiel an: „Warum ich bei meinem Auto Super oder E 10 tanken darf, weiß ich nicht selbst“, so Mendel. „Ich vertraue den Angaben der Autohersteller und der Expertise der Wissenschaft.“

Vertrauen auf Wissenschaft

So ähnlich verhalte er sich auch beim Impfen, er vertraue der und zweifele die Mehrheitsmeinung der Wissenschaft nicht an. Doch Mendel weiß auch: Seine Kirche ist ein Teil dieser Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Strömungen und Einstellungen. „Ich schätze unsere Demokratie und die Meinungsvielfalt“, sowie das Recht, „für berechtigte Anliegen, auf die Straße zu gehen“. Nur, und das betont er ausdrücklich im Hinblick auf die derzeit stattfindenden Schweigemärsche und Spaziergänge: „Inhaltlich habe ich eine andere Position.“ Radikale Positionen und demokratiefeindliche Stimmen lehne er kategorisch ab. Diskussionen mit Menschen, die so „ticken“, seien unendlich schwer und da ist „jede Liebesmüh vergeblich“. Verunsicherung spürt der 63-jährige Geistliche hin und wieder bei der Seelsorge, also dem ganz persönlichen Gespräch zwischen einem Mitglied seiner Gemeinde und ihm, dem Pfarrer, etwa bei einem Sterbefall. Er höre sich alles an, versichert er, und verurteilt keinen, was auch immer an Argumenten vorgetragen werde. „Wir dürfen nicht pharisäisch werden“, mahnt er, doch auch er komme dabei immer wieder an seine Grenzen. Was früher Konsens war, werde jetzt zum Teil sehr heftig diskutiert. Das grundsätzliche Misstrauen gegenüber der Wissenschaft oder das permanente Hinterfragen der Berichterstattung in seriösen Medien verstöre ihn zunehmend. Während der evangelische Landesbischof von Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, von einer „moralischen Pflicht zur Corona-Impfung“ spricht, verhält sich Dekan Mendel bei der allgemeinen Impfpflicht deutlich zurückhaltender: „Im Moment habe ich keine endgültige Position bei dieser Frage“, gibt er zu. Es sei leicht gesagt, eine solche Maßnahme zu fordern, „doch ich will die Angst mancher Menschen vor einer Impfung ernst nehmen“, betont er.

Gravierende Folgen denkbar

Noch gehen die Menschen schweigend durch Gunzenhausen, sollte jedoch eine Impfpflicht kommen, „würde das unweigerlich zu einer noch stärkeren Konfrontation in der Gesellschaft führen“, ist sich der gebürtige Münchner sicher. Die eigentlich gut gemeinte Aktion der allgemeinen Impfpflicht könnte so kontraproduktiv verlaufen. Und was unternimmt die Kirche vor Ort zu diesem Thema? Wie werden hier die Corona-Regeln umgesetzt? Die Diskussion Impfen pro und contra haben sie in den Leitungsgremien noch nicht direkt geführt, räumt der Dekan ein, dafür stehe der Zugang in Gottesdiensten und Treffen von unterschiedlichen Zielgruppen umso mehr im Mittelpunkt. Vier prall gefüllte Aktenordner nur mit Anweisungen der Landeskirche stehen in seinem Büro, erzählt er. „Davon beschäftigen sich allein acht Seiten aus der letzten Woche nur mit der Probenarbeit der vielen Chöre bei uns. Jede Gemeinde muss ein eigenes Hygienekonzept für ihre Gegebenheiten vor Ort erarbeiten, berichtet Mendel. Das sei ihr ureigenes Hoheitsgebiet. Es gibt nach seinen Worten sogar Pfarreien, da dürfen Gottesdienstbesucher nur mit 3G eintreten. Die Stadtkirche von Gunzenhausen mit ihren fast 1200 Sitzplätzen werfe andere Fragen auf als beispielsweise eine kleine Dorfkirche, wo während der Pandemie höchstens 20 oder 40 Menschen an den Gottesdiensten teilnehmen können. Schon allein die Empfehlung der Landeskirche, während des Singens die Maske aufzulassen, stoße bei vielen auf Unverständnis und führe dazu, dass sie nicht mehr zum Gottesdienst kommen. Anders verhalte es sich bei Konzerten in der Kirche. Hier gelte, wie überall in Bayern, die 2G-plus-Regel. Ansonsten empfiehlt die Landeskirche unter anderem den Slogan „Corona-Impfung? Na klar!“ mit dem Zusatz „Wir stehen hinter der Impfkampagne“ in den Gemeindebriefen abzudrucken. Flagge zeigen, heißt das dann wohl. Aber auch hier liegt die letzte Entscheidung bei den Verantwortlichen vor Ort.

Ein Mensch, kein Unmensch

Pfarrer, die sich der Impfung verweigern, gibt es wahrscheinlich schon, schätzt Mendel, doch Namen oder Gemeinde will er nicht nennen. Für ihn zählt etwas anderes: „Er oder sie ist ein Mensch, kein Impfgegner. Er ist damit ein Ebenbild Gottes.“ Wichtig ist ihm dabei vor allem: „Ich erkläre den anderen nicht zum Unmenschen, auch wenn es mir schwer begreiflich ist.“ Die Lage bleibt damit immer noch ernst, ob sie Anlass zur Hoffnung gibt, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Reinhard Krüger

Quelle: :Altmühl-Bote Gunzenhausen, Ausgabe 27. Januar 2022

Foto9: Reinhard Krüger

 

 

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