Dekan Mendel: „Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt“

Ich habe mich hier sehr wohlgefühlt“
Klaus Mendel Der leidenschaftliche Prediger und Kümmerer geht nach 13 Jahren Dienst als Dekan in Gunzenhausen in den Ruhestand.

VON REINHARD KRÜGER
GUNZENHAUSEN – Um ein Schiff von A nach B zu bringen, durch Stürme auf Kurs und die Besatzung bei Laune zu halten, braucht es einen fähigen Steuermann. Was auf See gilt, passt auch in der Kirche: Klaus Mendel war in den vergangenen 13 Jahren im evangelischen Dekanatsbezirk Gunzenhausen Steuermann und Kapitän in einer Person. Nun geht der Dekan von Bord, sprich: in den Ruhestand. Im Gespräch mit dem „Altmühl-Boten“ zog der 66-jährige Theologe eine Bilanz seines Wirkens.
Die evangelischen Christen im Altmühlfränkischen verlieren mit Dekan Mendel einen prägenden Menschen. Wenn er in der Stadtkirche predigt und mit der Gemeinde Gottesdienst feiert, dann sind die Bankreihen sehr gut gefüllt. Denn natürlich hat es sich längst herumgesprochen, dass dieser Klaus Mendel ein riesiges Talent fürs Predigen hat. Er agiert mit den Händen, spielt mit seiner Stimme. Mal laut und durchdringend, dann leise und fast schmeichelnd.
Mit Herz, Mund und Händen
Das kommt nicht von ungefähr. Bei einem Praktikum in der Abteilung Jugendevangelisation im Amt für Gemeindedienst habe er gelernt, „beim Predigen mit Herzen, Mund und Händen aufzutreten“. Aber nicht nur da, auch die liturgischen Teile fallen in der Regel anders aus.
Er spricht frei, wechselt mal die Perspektive und schaut die Menschen dabei an. „Ich fühle mich direkt von ihm angesprochen“, kommentiert das etwa ein älterer Mann. Jürgen Huber empfindet ihn als „beeindruckenden Prediger“, Karin Eder nimmt immer etwas mit nach Hause, und Rainer Sichermann geht „einfach nur gerne in seine Gottesdienste“.
„Ich hatte nie Angst vor Menschen, egal wo ich war“, sagt Mendel dazu. Das liegt möglicherweise auch daran, dass er sich nicht größer macht, als er ist: „Auch ich habe Schwächen und Fehler, sogar gravierende Fehler, sie gehören zu mir“, bekannte er jüngst in einem Gottesdienst.
Als Kind und Jugendlicher sei er als „Grischberla“ verspottet worden. Er hatte Angst, beim Völkerball als Letzter gewählt zu werden, bekannte er in dem Gottesdienst. Mittlerweile ist er ein sehr schlanker, 1,83 Meter großer Mann, „obwohl ich überhaupt keinen Sport mache“, sagt er. Die in Ehren ergrauten Haare sind noch sehr dicht, immer ist er modisch gekleidet, meist mit einem eleganten Schal zum Sakko oder Pullover.
„Ich habe ein sehr geordnetes Haus vorgefunden“, erinnert sich der Nachfolger von Gerhard Schleier. Gerne hätte er auch seinem Nachfolger etwas Ähnliches präsentiert, doch daraus wird vorerst nichts. Denn wenn Christian Aschoff am 1. Mai seine Stelle als Dekan von Gunzenhausen antritt, ist die geplante Fusion mit Heidenheim noch lange nicht in trockenen Tüchern. Aus unterschiedlichen Gründen musste der Zusammenschluss um ein Jahr verschoben werden, berichtet Mendel.
Und wie lernte er die altmühlfränkische Region kennen? „Ich musste mir erst mal ein geographisches Gefühl dafür zulegen“, blickt der scheidende Dekan zurück. Gunzenhausen war ihm bis dahin nur als ein Ort bekannt „an dem man vorbeifuhr“, es gab bis dahin keinerlei Berührungspunkte. Was ihm aber sofort auffiel, war das zerrüttete Verhältnis zur „Höh“, wie das Geistliche Zentrum am Burgstall gerne genannt wird. Dazu ein Kirchenvorstand (KV), der nichts mit der Höh’ zu tun haben wollte.
Das sollte sich schnell ändern. Einer der ersten Amtshandlungen Mendels war eine vertraglich festgelegte Zusammenarbeit mit der Hensoltshöhe und dem landeskirchlich geprägten Dekanatsbezirk. Kanzeltausch inklusive. „Auch die Hensoltshöhe musste sich entscheiden“, so Mendel. Heute spricht er von einem „ein ganz großes Geschenk“, weil es jetzt ein vernünftiges und geschwisterliches Verhältnis gebe.
„Blut, Schweiß und Tränen“
Drei große Bauprojekte im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe haben Mendel so manche schlaflose Nacht gekostet. Da war der komplette Neubau des Kinder- und Familienzentrums Wilhelm Löhe in der Ostvorstadt, dann die schwierige Frage nach einer Kernsanierung oder einem Neubau des bisherigen Kindergartens in der Bühringerstraße und zu gute Letzt die Erweiterung und Sanierung des Bezzelhauses.
Obwohl unterschiedliche Rechtsträger, laufen die Fäden irgendwie immer beim zuständigen Dekan zusammen. Wie bei fast allen Bauten, flossen auch gerade beim Kifaz-Neubau „Blut, Schweiß und Tränen“. Die ehemalige Leiterin Diana Leickert ließ nie locker, sie hätten so manchen Strauß ausgefochten, weiß Mendel noch gut. Und gleichzeitig steht für ihn fest: „Sie war ein Glücksfall für uns alle.“
Nach ihrem Weggang, fand sich keine Nachfolgerin. Jetzt teilen sich drei Personen die Stelle. Eine ist für die Geschäftsführung zuständig, die andere für die pädagogische Leitung und die dritte für kaufmännische Verwaltung.
Geschichte ist die Einrichtung in der Bühringerstraße. Seit vielen Jahren besuchen die Kinder stattdessen das „Haus für Kinder farbenfroh“ direkt neben der Grundschule-Süd. Auch hier wurde eine externe Geschäftsführung eingekauft, sodass „kein Pfarrer mehr eine Rechnung über Klopapier und Farbstifte absegnen muss“.
Die Arbeit scheint Mendel durchaus Spaß gemacht zu haben. Dutzende, meist langwierige Sitzungen, riesige Mengen prall gefüllter Ordner zeugen von einer großen Schaffenskraft. Sein Tag fängt früh an, bereits ab 6 Uhr morgens sitzt er am Schreibtisch und kommt selten vor 22 Uhr dazu, sich zu entspannen. „Ich war noch nie ernsthaft krank und bin das alles gewohnt“, sagt er im gewohnt ruhigen Ton.
Seine größte Stärke aber ist seine Biographie. Er, der keinerlei kirchliche Sozialisation erfahren hat, der als Achtklässler in einem 40-minütigen Referat im Fach Religion dargelegt hat, „warum ich kein Christ bin“. Er hat Jahre später alle mit seiner Berufswahl überrascht. Er zog „sein Ding durch“, und da passt es geradezu perfekt, dass seine kirchliche Karriere einen eher unorthodoxen Verlauf nahm. Sein Konfirmationsspruch aus dem Johannes-Evangelium war ihm dabei die entscheidende Richtschnur: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Über diesen Satz meditierte er auch so manche Stunde, wenn er zu teilweise massiven Konfliktsituationen in Kirchengemeinden gerufen wurde. Er ist unmittelbarer Dienstvorgesetzter aller kirchlichen Mitarbeiter im Dekanatsbezirk. In den beiden Kirchengemeinden Dittenheim und Muhr (wir berichteten) brodelte es aus unterschiedlichen Gründen. „Ich will beide Seiten hören und verstehen“, lautet seine Strategie. Er wollte vermitteln und weniger auf den Tisch hauen. Wenn sich am Ende herausstelle, dass nur ein schneller Wechsel helfen könne, „dann tut das auch weh“.
Kirche verändert sich
Was bleibt am Ende der Dienstzeit? Die Gewissheit, dass sich Kirche immerzu verändert. Zusammenschlüsse mehrerer Kirchengemeinden werden die Regel, bilden keine Ausnahme mehr, das hauptamtliche Personal muss sich ebenso verändern. Angesichts hoher Austrittszahlen ändern sich die Zeiten, die am Ruder müssen sich dem anpassen. Stürmische Zeiten also. Mendel hat die Herausforderung Steuermann und Kapitän in Gunzenhausen angenommen – und gemeistert.
Sein Ruhestandsdomizil hat er bereits gefunden. Er bleibt der Altmühlstadt treu, die gepackten Kartons stapeln sich bereits. Vorerst wird der „leidenschaftliche Prediger“ und bekennende Fan der Nürnberg Ice-Tigers erst mal nicht zur Verfügung stehen, kündigte er an. Vielleicht werde er sich im sozialen Bereich wie in der Speis engagieren.
Die Kirchenvorstands-Vertrauensfrau Inge Meier charakterisiert den scheidenden Theologen so: „Er ist ein Kümmerer, weil er nicht nur redet, sondern auch was tut.“ Und Mendel? Bleibt bescheiden: „Ich habe mich hier sehr wohlgefühlt.“
Info
Am Samstag, 3. Februar, findet um 14.30 Uhr in der Stadtkirche der Abschiedsgottesdienst mit Entpflichtung von Dekan Mendel durch Regionalbischöfin Gisela Bornowski statt. Anschließend gibt es gegen 16 Uhr einen Empfang im Lutherhaus.

Quelle: Altmühl-Bote Gunzenhausen, Ausgabe 27. Januar 2024
© Text und Foto: Reinhard Krüger


Sie halten Dekan Klaus Mendel den Rücken frei und arbeiten ihm zu: Die beiden Sekretärinnen Brigitte Deffner (links) und Petra Wittmann-Seitz sind für Dekanatsbezirk und Kirchengemeinde zuständig.


Das Team hinter dem Dekan: Das Mesner-Ehepaar Trajan und Emilie Untch sowie Kirchenmusikdirektor Bernhard Krikkay sorgen bei den Gottesdiensten für einen reibungslosen Ablauf.


Er wird von vielen geschätzt, seine Gottesdienste sind gut besucht: Der scheidende Dekan Mendel schüttelt bald zum letzten Mal die Hände seiner Gemeindemitglieder. (Foto: Reinhard Krüger)